Wenn die eigene Betroffenheit nicht mehr reicht

Viele Menschen engagieren sich ehrenamtlich in einer der 620.000+ gemeinnützigen Organisationen – in Vereinen, Kirchengemeinden und Stiftungen. Sie bringen viel Zeit und Einsatz für die gute Sache auf – oft genug ist dies für sie wie ein zweiter Job. Sie übernehmen Verantwortung für Geld, für hauptamtliche Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, für andere.

Doch warum engagieren sie sich?

Die Motive sind bekannt. Verantwortungsbewusstsein, die Suche an einer sinnvollen Tätigkeit, nach Anerkennung und Wertschätzung, der Wunsch etwas zu ändern – um nur einige zu nennen. Im Gesundheitsbereich sind die Gründe oftmals die eigene Betroffenheit. Man selbst oder ein enger Angehöriger – vor allem die eigenen Kinder – leiden an einer Krankheit. Auch in der Entwicklungshilfe sind es häufig eigene Erlebnisse. Andere Gründe sind eine Art „Sendungsbewusstsein“ – etwa im Natur- oder Tierschutz oder im religiösen Bereich. Auch eigene positive Erfahrungen sind wichtige Motivatoren  – etwa im Sport oder dem Engagement für Kinder. Und es gibt viele Personen, die aufgrund ihres Amtes im Vorstand sind – so etwa Rechtsanwälte, Bankangestellte oder Steuerberater.

So unterschiedlich auch die Gründe sind, so stehen die Menschen in der persönlichen Verantwortung (und Haftung) eine Organisation (mit) leiten zu müssen. Häufig kann man diese vom Finanz- und Aufgabenvolumen mit einem mittelständischen Unternehmen vergleichen.

Vielfältige Anforderungen

Bei allem Einsatz und aller Motivation: Nur mit der eigenen Betroffenheit lässt sich heute keine Organisation mehr führen. Es braucht bestimmte Fachkenntnisse, es braucht Nonprofit-Management-Knowhow, es braucht eine Strategie und verschiedene Konzepte. Allein die rechtlichen Rahmenbedingungen sind komplex: Gemeinnützigkeit, Zweckbetrieb, wirtschaftlicher Geschäftsbetrieb – sind selbst für Experten nicht immer auseinander zu halten. Die Vorgaben im Datenschutz, im Sozialrecht oder im Markenrecht machen selbst mittelständischen Unternehmen zu schaffen. Und dann sind da noch Themen wie Marketing, Finanzverwaltung und Mittelbeschaffung / Fundraising, Mitgliedergewinnung und -bindung. Und gleichzeitig soll man die eigenen Mitglieder motivieren und begeistern – und dabei selbst noch Spaß haben. Und Anweisungen wie in einem Unternehmen kann man auch nicht geben.

Ein Umdenken ist erforderlich

Puh. So denken manche. Nicht umsonst sind viele Vorstandsposten zum Teil über Jahre unbesetzt. Und es wird immer schwieriger, sie zu besetzen. Die fachlichen Anforderungen sind immens, die Arbeit ruht auf wenigen Schultern, der zeitliche Aufwand groß – und nicht selten gibt es Richtungsdiskussionen in der Organisation.

Es ist – davon bin ich überzeugt – erforderlich, professioneller zu arbeiten. Das heißt nicht, dass man ehrenamtlich das nicht leisten kann. Professionalität hat als erstes etwas mit der richtigen Einstellung zu tun. Gemeinnützige Organisationen brauchen Menschen mit Ideen und Engagement. Was sie nicht brauchen sind Alleinherrscher,Wichtigtuer, Arbeitsfaule, Verantwortungsflüchtige, Würdenträger, die Vorstandsposten wie andere Schuhe sammeln sowie Gefallens-Mitglieder – also, die es nur aus Gefallen machen. Doch damit ist es nicht getan. Die Organisationen brauchen m.E. drei weitere Faktoren:

I. Eine Vorstands-Akademie

Die Leitung einer gemeinnützigen Organisationen bedarf vieler Fähigkeiten und Fertigkeiten, die die Wenigsten gelernt haben. Fort- und Weiterbildung sind im Sinne eines lebenslangen Lernens anerkennt und wichtig. Dann auch für Vorstände für Vereine.

II. Ein spezielles Social Leadership

Das Thema Leadership wird viel diskutiert. Systemische Führung oder auch Digital Leadership werden immer wichtiger, entsprechende Bildungsangebote werden für Führungskräfte wie auch für Schülerinnen und Schüler realisiert. Und im gemeinnützigen Bereich? So wie Firmenlenker eine soziale Kompetenz erwerben müssen, müssen Vereinslenker die unternehmerische Kompetenz erwerben bzw. anwenden. Für mich geht es bei Social Leadership um die Verbindung von beiden Aspekten. Nur wenige bringen diese Voraussetzungen mit oder setzen sie um – meist sind diese Persönlichkeiten mit eigenen Social Business aktiv. Wenn diese Fähigkeiten aber nicht vorhanden sind, dass müssen sie erworben und trainiert werden – und dann sind wir wieder bei der Vorstands-Akademie.

III. Support und Dienstleistungen

Bei aller Führungs- und Fachkompetenz – die Arbeit ist da, vielleicht wird sie etwas effizienter gestaltet. Doch sie muss noch immer gemacht werden. Auch hier können Vereine und Stiftungen von Unternehmen lernen. Delegieren Sie Aufgaben hinzu, binden Sie Dienstleistungen wie den Fundraising-Management-Center ein. Hier können alle Aufgaben, die eine Organisation nicht leisten kann oder will, abgeben. Profis übernehmen die Aufgaben – ob im Marketing oder im Fundraising, der Geschäftsstelle oder der Verwaltung.

 

Das Ganze ist ein Prozess, der seine Zeit braucht. Doch die Entwicklung ist bereits am Laufen und nicht mehr aufzuhalten. Deshalb sollte sich jedes Vorstandsmitglied über die eigene Motivation und die eigene Professionalität bewusst werden.